Vor 40 Jahren holte Horst Gnas den dritten WM-Tite

Kein anderer fränkischer Radsportler hatte so großen Erfolg und so großes Pech
Deutsche Meister-Titel feierte man beim RC Herpersdorf schon sehr viele, doch nur einer der einst so erfolgreichen fränkischen Radsportler konnte bisher das begehrte Regenbogentrikot des Weltmeisters erobern: Horst Gnas schaffte es vor 40 Jahren von 1971 bis 1973 sogar dreimal! Mehr als 200 Siege hat er in seiner fast 20-jährigen Karriere bei Straßenrennen, Kriterien, bei Länderkämpfen, nationalen und internationalen Steherrennen errungen. 1971 und 1972 erkämpfte er zweimal den Deutschen Meistertitel der Amateur-Steher.

Horst Gnas kam Ende der 50er-Jahre aus Sachsen-Anhalt nach Franken. Als begeisterter Radsportler, der in der „DDR“ erste Erfolge feierte, schloss sich der gelernte Installateur dem Ring Nürnberger Rennfahrer an. "Horst war ein echter Allrounder, der auf Bahn und Strasse sehr gut fuhr ", schwärmt Fritz Dotzer, damals sportlicher Leiter des RNR, von der großen Vielseitigkeit seines einstigen Schützlings, der sofort begeistert dabei war, als man 1968 am Reichelsdorfer Keller begann, den Stehersport für heimische Amateure zu aktivieren. Mit seinem Vereinskameraden Udo Empter, der damals wie Dieter Durst zu den fränkischen Schrittmacher-Neulingen zählte, lieferte Horst Gnas den sieggewohnten Stehermeistern Horst und Gerhard Duschl vom RC Herpersdorf regelmäßig heiße Schlachten. Ab 1970 zählte Horst Gnas zum Nationalkader der Steher und Bundestrainer Gustav Kilian nominierte ihn noch im gleichen Jahr für seine erste WM. Im britischen Leicester sorgte Horst Gnas an der Rolle des erfahrenen Schrittmachers Jupp Ceuremans, den der Verband für ihn engagierte, für eine kleine Sensation, als er fast mühelos das Finale erreichte und im Endlauf hinter dem Holländer Cees Stam Vize-Weltmeister wurde!

Vor 40 Jahren dreifacher Weltmeister

Durch seinen Vereinswechsel zum RC Herpersdorf bekam Horst Gnas ab 1971 umfangreiche, optimale Förderung. Der unvergessene Herpersdorfer Radsport-Mäzen Andreas Egerer engagierte für ihn Bruno Walrave den damals weltbesten Schrittmacher. Das neue Top-Gespann Gnas / Walrave harmonierte auf Anhieb traumhaft. „ Bruno wusste genau, wie ich reagierte und welche Reserven ich mobilisieren konnte. Wir verstanden uns blind“, schwärmt Horst Gnas heute noch von dem langen Holländer der ihn 1971 in Varese und 1972 in Marseille unangefochten zum WM-Titel führte. 1973 wurde der Siegeszug von Gnas/Walrave jedoch vom Weltverband UCI abrupt beendet. Kurz vor der WM in San Sebastian beschloss man, dass ab sofort bei Weltmeisterschaften die Steher und ihre Schrittmacher aus dem gleichen Land stammen mussten. Für Horst Gnas brach eine Welt zusammen: "Ohne Bruno wusste ich plötzlich nicht mehr, wie es nun weitergehen sollte", erinnert sich der Ex-Weltmeister an bange Stunden in Spanien. Als Retter in der Not erwies sich Bundestrainer Gustav Kilian, der spontan seinen alten Freund Hans Käb nach Spanien holte. Der 63-jährige Hannoveraner, der seit Jahren nicht mehr auf einer Schrittmachermaschine saß, kam buchstäblich in letzter Minute auf die Piste in San Sebastian! Horst Gnas, der hinter Peter Schindler, dem Schrittmacher des Berliners Rainer Podlesch einen guten Vorlauf fuhr, konnte mit Schrittmacher Hans Käb nun doch noch am WM-Finale teilnehmen. "Ich war jedoch mit den Nerven völlig am Ende, denn ich konnte mit Käb, mit dem ich noch nie gefahren war, vor dem Finale nur noch ein paar Proberunden absolvieren. Das konnte doch niemals gut gehen", befürchtete der Herpersdorfer. Doch es ging gut! Das Gespann Gnas/Käb legte einen rasanten Blitzstart hin und fuhr unter dem Jubel der 8000 spanischen Zuschauer einen verdienten Start/Ziel-Sieg nachhause! "Ich war überglücklich, als ich doch noch meinen dritten WM-Titel erringen konnte", freut sich Horst Gnas noch heute.

Horst Gnas - oben -war 1971 u. 1972 mit Bruno Walrave nicht zu schlagen

Doch seinem großen Glück folgte wenige Tage später für Horst Gnas ein schwerer Schicksalsschlag. Bei einem Radausflug verunglückte seine Frau Margit tödlich, als sie von einem betrunkenen PKW-Fahrer angefahren wurde. Auch im sportlichen Bereich wurde Horst Gnas nun hartnäckig vom Pech verfolgt. 1974 zog er sich einen komplizierten Bruch der rechten Hand zu, der nur sehr langsam heilte und seine Saisonvorbereitungen zunichte machte. Horst Gnas schaffte zwar trotzdem noch die WM-Teilnahme, doch die üblichen Renn- und Trainingskilometer fehlten dem Titelverteidiger, als er in Montreal enttäuscht vom Rad stieg. 1975 machte ihm ein weiterer Unfall, bei dem er sich einen Oberschenkelbruch zuzog, einen dicken Strich durch die Rechnung. Als er nach sehr langer Verletzungspause im folgenden Jahr wieder im Sattel saß, musste er enttäuscht feststellen, dass es trotz vieler Trainingsstunden nicht mehr wie in den Vorjahren lief. Nach Platz drei bei der DM 1977 hängte er mit 36 Jahren seine Stehermaschine endgültig an den berühmten Nagel. Mit der derselben Härte und eisernen Disziplin, die ihm einst seine sportlichen Erfolge ermöglicht hatten, ordnete er nun sein Leben neu. Er fand eine neue Lebensgefährtin, baute für die Familie ein Haus und eröffnete in Nürnberg und im Vorort Röthenbach zwei Reinigungsbetriebe. Seine zweite Ehefrau, der Radsport und seine vielen Freunde halfen ihm langsam über viele Enttäuschungen hinweg. Doch der nächste schwere Schicksalsschlag folgte im Oktober 2008 als seine zweite Frau Renate an einem plötzlichen Organversagen verstarb. Den nötigen Trost fand Horst Gnas danach bei seinen Töchtern, seinen Freunden, seiner Arbeit und in vielen Stunden m Sattel seiner Rennmaschine. Seit er 2011 die Firma an seine Tochter Petra übergab, genießt der inzwischen 72-Jährige nun seinen verdienten Ruhestand - und sitzt noch häufiger im Sattel. „ So um die 12 000 Kilometer fahre ich noch immer jedes Jahr, das brauche ich für meine Gesundheit“, sagt der Altmeister, der mit zwei Freunden alljährlich die Tour de France besucht und dabei selbst über etliche Pässe der Alpen und Pyrenäen klettert. Am Reichelsdorfer Keller ist Horst Gnas noch immer Stammgast. Zufrieden stellte er bei der EM im August fest: „ Es freut mich, dass es noch die spannenden Rennen und immer wieder neue junge Steher gibt, denn schon zu meiner Zeit hat man den Stehersport totgesagt“.

Manfred M a r r