Heinz Jakobi wird 90

Nürnbergs großes Steher-Idol Heinz Jakobi wird 90
„Radfahren ist für mich die beste Medizin“, sagt der dreifache Ex-Meister der Profis

„Neben der Fußball-Ikone Max Morlock war vor rund 60 Jahren Heinz Jakobi, der dreifache Deutsche Meister der Profi-Steher , Nürnbergs bekanntester und erfolgreichster Sportler. Während der unvergessene Fußball-Weltmeister 1994 mit nur 69 Jahren viel zu früh verstarb, sitzt das einstige Radsport-Idol Heinz Jakobi noch immer gerne im Sattel seines leichten Sportrades. Am 3. September feierte der rüstige Altmeister des Stehersports seinen 90. Geburtstag!

„ Na ja“, schränkt Heinz Jakobi lachend ein, „rüstig ist relativ, denn seit einer schweren Operation im vergangenen Jahr habe ich schon meine Probleme, doch dafür habe ich auch eine ganz besondere Medizin. Ich setz´ mich auf mein Rad, dann geht es mir meistens wieder etwas besser“. Von seiner Wohnung in der Gartenstadt hat Heinz Jakobi nicht weit zu seiner „Lieblingsstrecke“ am Main-Donau-Kanal: „Recht schnell fahre ich da zwar nicht mehr, doch ein etwas flotteres Tempo muss es schon noch sein, dann macht es mir mehr Spaß“, sagt Heinz Jakobi und fügt hinzu: „ Am liebsten fahr´ ich wo kein Auto hinkommt. Seit mich 1996 einmal ein PKW umgefahren hat, meide ich die viel befahrenen Straßen“. Bei gutem Wetter radelt Heinz Jakobi – am liebsten allein - auch mal etwa 20 Kilometer. „ Das macht Spaß und tut mir richtig gut“, sagt er. Erstaunlich oft wird der einstige Rad-Star bei seinen Fahrten noch von seinen früheren Fans erkannt und muss dann einige Minuten absteigen. Gemeinsam schwelgt man dann in vielen schönen Erinnerungen: „ Ich wundere mich immer wieder, wie viele Radsportler und Steherfans es immer noch gibt, die mich erkennen und die sich an die großen Steherschlachten am Reichelsdorfer Keller erinnern“, freut sich Heinz Jakobi.

Der Radsport lag bei Heinz Jakobi in der Familie, als er vor 75 Jahren als 15-Jähriger damit begann stieg er in die Fußstapfen seines einst erfolgreichen Vaters Josef Jakobi. „Mein Vater war 1911 der erste Deutscher Rad-Meister Nürnbergs“, erzählt Heinz Jakobi stolz, der 1937 für den „Tourenklub Nürnberg“ seine ersten Rennen fuhr. Seinen ersten Meistertitel erkämpfte er sich ein Jahr später als fränkischer Straßenmeister der Jugendklasse. Doch seine Freude über erste größeren Radsport-Siege währte nicht lange: „ Leider brach ein Jahr später dann der Krieg aus, noch bevor ich Amateur wurde.“ An Radsport war nun nicht mehr zu denken. „Ich war beim Russlandfeldzug dabei. Eine schwere Verwundung am Bein rettete mich damals vor dem sicheren Tod in Stalingrad“, erinnert sich Heinz Jakobi an die schlimmsten Kriegsjahre.

Ein Jahr nach Kriegsende begann man 1946 zwar wieder mit dem Radsport, doch zunächst mit kleinen regionalen Rennen, bei denen Heinz Jakobi als 23-Jähriger wieder besgeistert in den Sattel stieg. Als es ab 1947 endlich wieder große Straßenrennen gab zählte Heinz Jakobi als mehrfacher Bayerischer Meister, Süddeutscher Meister und Sieger zahlreicher „Klassiker“ bereits zur deutschen Spitzenklasse der Amateure. Bei der ersten Nachkriegs-Austragung des hessischen Klassikers „Rund um Frankfurt“ feierte Heinz Jakobi einen seiner schönsten Siege. Durch einen Defekt auf den entscheidenden letzten Kilometern verpasste er 1948 den fast schon sicheren Sieg in der Deutschen Straßenmeisterschaft, bei der er zusammen mit seinem Freund und Herepersdorfer Vereinskameraden Heinrich Rühl auf den letzten Kilometern aussichtsreich in der kleinen Spitzengruppe fuhr: „ Für mich war es ein Trost, dass Heinrich dann den Titel gewann“, erzählt Heinz Jakobi, der damals als Achter ins Ziel kam. Seinen ersten Meistertitel gewann Heinz Jakobi noch im gleichen Jahr im Mannschaftsrennen über 100 Kilometer mit dem RC Herpersdorf.

Heinz Jakobi: "Radfahren ist die beste Medizin"

1952 wagte Heinz Jakobi den Schritt ins Lager der Profi-Stehern, die in jenen Jahren noch die populärsten und bekanntesten Radsportler waren. „Es war eine sehr harte Lehrzeit“, erinnert er sich noch heute. „ Mit 70 bis 80km/h hinter dem Motor zu fahren, sieht viel leichter aus, als es ist. Man braucht da mindestens zwei Jahre, um viele Feinheiten zu lernen, vor allem um die optimale Technik und Übersetzung zu finden“. Nach zahlreichen Rückschlägen, Enttäuschungen und Stürzen gelang Heinz Jakobi 1954 mit 10 Saison-Siegen der Durchbruch! Die Spitze der damals noch großen Anzahl namhafter deutscher Profi-Steher eroberte er sich nach zwei weiteren Jahren, als er 1956 in Frankfurt hinter dem belgischen Schrittmacher-Ass Martin Vandenbosch die Deutsche Meisterschaft gewann. Zugleich stellte er in diesem Rennjahr einen bis heute einmaligen Rekord auf: Mit 32 Siegen war Heinz Jakobi 1956 der erfolgreichste Profi-Steher der Welt! Zwei weitere deutsche Meisterschaften - die damals noch über die mörderische 100km-Distanz gefahren wurden – holte sich Heinz Jakobi 1958 und 1959 zusammen mit dem Katzwanger Schrittmacher Kurt Schindler. “Wir beide waren ein perfekt eingespieltes Team und es lief einfach super hinter Kurt“, erinnert sich Heinz Jakobi an seinen einstigen Partner auf dem Motor. „Es war schon ein großartiges Gefühl, wenn wir vor 10 000 und mehr begeisterten Zuschauern auf allen Bahnen Europas durch die steilen Kurven brausten“, gerät Heinz Jakobi heute noch ins Schwärmen.

Als 1960 die Deutsche Meisterschaft der Profi-Steher in Nürnberg stattfand, wollte sich Heinz Jakobi als Topfavorit und Lokalmatador seinen vierten Titel holen. Doch leider kam es dann ganz anders. Ein schwerer Sturz schockierte die rund 8 000 Zuschauer beim Saisonauftakt „am Keller“. Durch einen Rahmenbruch an Schindlers Schrittmachermaschine stürzten Jakobi und Schindler in hohem Tempo in der Steilkurve. Während Schindler mit zahlreichen Prellungen und Abschürfungen glimpflich davon kam, musste Heinz Jakobi lebensgefährlich verletzt mit einem Schädelbruch und zehn weiteren Knochenbrüchen ins Nürnberger Klinikum eingeliefert werden. Mehrere Tage bangten die Nürnberger Steherfans um das Leben ihres Idols. Erst nach vielen Wochen konnte Heinz Jakobi das Klinikum wieder verlassen. An eine Fortsetzung seiner Karriere war eigentlich nicht mehr zu denken. Doch Heinz Jakobi hatte noch sein altes Kämpferherz. Trotz erheblicher Schmerzen und gegen den Rat seiner Ärzte machte er im Frühjahr 1961 einen Comeback-Versuch: “ Ich war damals total verzweifelt, wollte wieder Rennen fahren, doch die Schmerzen an vier angebrochenen Wirbeln, die heute noch spüre, waren schon nach wenigen Minuten zu stark“. Nach mehr als 20 erfolgreichen Radsportjahren erklärte Heinz Jakobi im Sommer 1961 schweren Herzens seinen Rücktritt vom Rennsport.

Bis heute blieb der Radsport für den Altmeister der Steher die „wichtigste Nebensache der Welt“. Bei den Rennen der Steher am Reichelsdorfer Keller hat er seinen Stammplatz. „Der Radsport und insbesondere der Stehersport ist nicht leichter geworden aber vieles ist eben anders „ urteilt der Altmeister, der den Fußballsport ebenso aufmerksam verfolgt: „ Ein schönes Spiel guter Mannschaften hat immer wieder seinen Reiz“.

Manfred M a r r