Dieter Durst feierte seinen 70. Geburtstag

9-facher Weltmeister , 8-facher Europameister, 25-facher Deutscher Meister

Seinen 70. Geburtstag feierte am 24. Mai Nürnbergs „Schrittmacher-Legende“ Dieter Durst, der jahrzehntelang große internationale Siege und Titel in Serie erkämpfte. „Wie viele Rennen ich als Schrittmacher fuhr und wie viele Siege es insgesamt waren, kann ich beim besten Willen nicht sagen“, erklärt der gebürtige Nürnberger, der als bislang bester deutscher Schrittmacher bei Steher- und Derny-Rennen 44 Jahre lang erfolgreich im Sattel saß. Seine Erfolgsbilanz mit neun WM-, acht EM- und 25 Deutschen Meister-Titeln ist ein einmaliger Rekord im deutschen Radsport. „Eigentlich hätten es noch ein paar Titel mehr werden können, denn ich wollte bis zu meinem 65. Geburtstag noch Rennen fahren“, sagt der rüstige Jubilar, der 2011 wegen akuter Hüft- und Bandscheiben-Beschwerden seine Karriere beendete. Seinen wohlverdienten Ruhestand genießt Dieter Durst, der noch immer jedes Steherrennen am Reichelsdorfer Keller besucht, seitdem in Kastl, seiner „ zweiten Heimat“ in der Oberpfalz. „ Langweilig wird es mir hier nie“, versichert Dieter Durst, den man täglich in seinem großen Garten oder in seiner kleinen Fahrradwerkstatt antreffen kann. „Für mich gibt es immer etwas zu tun“, erklärt der Altmeister schmunzelnd, der den Radsport, mit dem er 1961 als 14-Jähriger begann, nach wie vor aufmerksam verfolgt.

„Zum Radsport und zu den Steherrennen auf der Rennbahn am Reichelsdorfer Keller kam ich schon im Vorschulalter “, erinnert sich Dieter Durst, dessen Vater Siegmund Durst als renommierter Radsport-Fachjournalist und Sprecher bundesweit im Einsatz war. Bei den sehr zahlreichen Bahn-, Straßen- und Rundstreckenrennen in Nürnberg und Umgebung waren Dieter und sein ein Jahr älterer Bruder Peter in den 1950er-Jahren stets begeisterte Zuschauer. Dieter war vom Radsport so fasziniert, dass er so bald wie möglich selbst Radrennen fahren wollte. „Ich konnte es kaum erwarten, da endlich dabei zu sein“, erzählt Dieter Durst, der im Frühjahr 1960 mit knapp vierzehn Jahren im Trikot des „Ring Nürnberger Rennfahrer“ erste Jugendrennen fuhr. „Später wechselte ich dann zum RC Herpersdorf und ich bin als Junior noch ganz wacker gefahren. Nach einem Jahr bei den Amateuren hatte ich die Schinderei jedoch ordentlich satt“, gesteht Dieter Durst, der sich damals viel mehr für den Stehersport interessierte, für den man 1967 in Nürnberg neue Schrittmacher suchte und ausbildete. Altmeister Fritz Scheller und Bahnwart Paul Maul waren für den erst 20-jährigen Schrittmacher-Neuling die ersten Lehrmeister. Paul Maul - einst als Steher und als Schrittmacher im Sattel - war es , der Dieters Talent und Geschick auf dem schweren Schrittmacher-Motor schnell erkannte und förderte: „ Er hat mir viele Kniffe und Tricks beigebracht, die ein guter Schrittmacher beherrschen muss“, erinnert sich Dieter Durst, der in seinen ersten Schrittmacher-Jahren trotzdem nicht mit Erfolgen verwöhnt wurde. „Es war eine ziemlich lange und harte Lehrzeit, in der ich mit sehr vielen verschiedenen Amateuren fuhr. Dabei eignete ich mir die nötige Geduld und die Ausdauer an, die man braucht wenn man als Schrittmacher immer wieder mit anderen Stehern fahren muss. So richtig gut lief es erstmals mit Werner Heidrich vom RC Schwalbe Nürnberg, mit dem ich um 1970 meine erste Nominierung in die Steher-Nationalmannschaft schaffte“.
Als Sprungbrett seiner erfolgreichen Schrittmacher-Karriere bezeichnet Dieter Durst seinen ersten WM-Titel, den er 1974 in Montreal völlig überraschend gemeinsam mit Jean Breuer aus Hürth gewann. „ Trotz der vielen Titel die danach folgten, war das für mich bis heute mein schönster Sieg, nachdem ich mit Jean erst über den Hoffnungslauf ins Finale kam und niemand mit uns beiden rechnete“, erinnert sich Dieter Durst schmunzelnd. Auch beim Bund Deutscher Radfahrer, mit dessen Funktionären der selbstbewusste Franke oft im Clinch lag, erkannte man nun die große Klasse des cleveren jungen Schrittmachers. „ Nach dem WM-Sieg 1974 zählte ich ohne Unterbrechung zum Nationalkader bei Welt- und Europa-Meisterschaften, bei denen ich Jahr für Jahr viele weitere wertvolle Erfahrungen sammeln konnte“, erzählt Dieter Durst, der dabei viel von dem Holländer Nopi Koch lernte. „ Er war damals als weltbester und erfolgreichster Schrittmacher mein großes Vorbild.

Dieter Durst wurde 70 Jahre

Mitte der 1970er-Jahre begann die große Erfolgsserie von Dieter Durst: 1975, 1976,1978 und 1980 gewann er mit Dieter Kemper (Dortmund) und Wilfried Peffgen (Köln) vier weitere WM-Titel bei den Profis. Die erfahrenen Bahn-Cracks Kemper und Peffgen waren es auch, die Dieter Durst den „ letzten Schliff“ als Schrittmacher verpassten. „Mit ihnen lernte ich das viel schwierigere Fahren auf den kurzen und steilen Winterbahnen“. Ein weiteres Plus für den ehrgeizigen Franken, der nun auch bei den Sechstagerennen auf den leichten Derny-Motoren ein sehr erfolgreicher Pilot wurde. In seinem Windschatten brausten einst prominente Winterbahn- und Straßen-Asse wie Eddy Merckx, Gianni Bugno, Didi Thurau, Urs Freuler und Bruno Risi durch die Steilkurven. Sie alle schwärmten von der Cleverness und von der Umsicht des erfahrenen Schrittmacher-Routiniers. „ Dieter Durst, der vier Jahrzehnte zu den weltbesten Schrittmachern zählte und erfolgreich auf allen Pisten Europas fuhr, war stets eine Klasse für sich. Noch nie saß ein deutscher Schrittmacher länger und erfolgreicher im Sattel als er“, schwärmt Rainer Podlesch aus Berlin, der zwischen 1978 und 1985 acht deutsche Meistertitel und zwei Weltmeistertitel an der Rolle von Dieter Durst erkämpfte, heute noch.
Lob und natürlich viele gute Tipps hatte Dieter Durst umgekehrt für seine Schützlinge parat. „ Bei extrem hohem Tempo optimal im Windschatten zu fahren sieht viel leichter aus als es ist. Es gehört eine sehr gute Kondition, höchste Konzentration und auch eine Portion Mut dazu“. Auf die Frage nach dem seiner Meinung nach besten Steher den er einst führte, nennt Dieter Durst spontan den Kölner Profi Wilfried Peffgen, mit dem 1976, 1978 und 1980 drei WM-Titel gewann. „Wilfried war ein außergewöhnlich zäher Fahrer, der stets bis zum Limit kämpfte und mir ohne viele Worte immer blind vertraute“. Von den heimischen Stehern profitierten die mehrfachen Deutschen Meister Klaus Burges (TK Schwabach), Roland Renn (RC Herpersdorf) und Mario Vonhof (TK Schwabach) am meisten von der großen Erfahrung des fränkischen Routiniers. Roland Renn bezeichnet Dieter Durst rückblickend als das bisher größte fränkische Steher-Talent „Mit ihn holte ich zwei DM-Titel bei den Stehern und einen auf dem Derny. Ich bin ganz sicher, mit etwas mehr Ehrgeiz und Trainingsfleiß hätte Roland auch international große Erfolge feiern können“.

Seinen neunten und letzten WM-Titel holte Dieter Durst 1994 mit dem Berliner Carsten Podlesch, dem Sohn von Ex-Weltmeister Rainer Podlesch. Sehr enttäuscht war Dieter Durst danach, als der Radsport-Weltverband UCI ab 1995 den Stehersport aus dem WM-Programm strich: „ Das war ein schwerer Fehler, der den Stehersport enormen Schaden zugefügt hat, denn damit fiel in allen Ländern plötzlich die Unterstützung und das Interesse für den Stehersport weg“. Umso mehr freut es Dieter Durst, dass man den Stehersport am Reichelsdorfer Keller nach wie vor pflegt und fördert „ Beim Verein Sportplatz hat man in den letzten Jahrzehnten sehr viel für den Stehersport getan“, lobt Dieter Durst den von Bahnchef Andreas Zentara geleiteten kleinen Verein, der 1903 die Piste erbaute und bis heute für regen Sportbetrieb am Reichelsdorfer Keller sorgt. Dass man inzwischen plant, die marode 400m-Bahn abzureißen und eine neue Hallenbahn in Langwasser zu bauen, sieht Dieter Durst mit einem weinenden und einem lachendem Auge: „ Es wäre toll, wenn wir in Franken eine schnelle überdachte 250m-Piste bekommen. Für den Stehersport wird das allerdings einige gewaltige Veränderungen mit sich bringen. Wie er diese verkraftet bleibt abzuwarten“.

Manfred M a r r

Mit Mario Vonhof gewann Dieter Durst seine 25. DM